Delaney Davidson – El Lokal (22. Juni 2015)

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Das weckte meine Neugierde. Verträumt nippte ich vor dem El Lokal an einer Cola. Da streiften meine Augen über eine Schiefertafel. Darauf wurde ein Konzert angekündigt. Am selben Abend, um 20:20 Uhr. Der Name sagte mir nichts: Delaney Davidson. Ebensowenig die Stilrichtung: Country Noir, Gothic American, Alt-Country. Aber genau das reizte mich. Einmal an ein Konzert zu gehen, ganz ohne Vorurteile und Erwartungen.

Natürlich konnte ich es nicht lassen. Die moderne Technik erlaubt es schliesslich, sich von überall her zu informieren. Also erriet mir mein Handy: Delaney Davidson ist ein Musiker aus Neuseeland, der heute auch in der Schweiz lebt. Er begann als Schlagzeuger, hat auch schon in einem Film mitgewirkt, macht aber zur Hauptsache Soloalben. Seine Musik wird als düster bezeichnet. Mehr wusste ich nicht, ich war gespannt.

Nicht nur gespannt, sondern auch angespannt war das Publikum, als das Konzert dann begann. Davidson stand bereits auf der kleinen Bühne. Ein kräftiger Mann mittleren Alters, mit Hemd, Jeans und Hut. Mit dabei seine umgehängte akustische Gitarre mit Verstärker. Auf dem Boden vor ihm eine ganze Reihe von technischen Geräten. In seinem Rücken ein lottriger Gitarrenkoffer. Das Publikum schwatzte noch, da begann er ganz beiläufig zu spielen. Niemandem war klar, ob das jetzt schon der beginn ist, oder ob er noch übt. Erst allmählich realisierte das Publikum, dass das Konzert begonnen hatte. Es wurde ruhiger.

Delaney Davidson spielte Solo. Bei praktisch allen Stücken ging er immer gleich vor. Zuerst klopfte er den Beat aufs Gehäuse seiner Gitarre. Mit den Füssen betätigte er die Geräte vor sich. So legte er den Rhythmus und den Beat für das jeweils folgende Stück. Auf diese Art erreichte er als Ein-Mann-Band den Sound und die Potenz von ACDC. Das war die grosse Überraschung, die bis zum Schluss anhielt.

Am meisten beeindruckte mich seine Technik. Er ist ein Virtuose an der Gitarre. Ein Wunder welche Klänge, Geräusche und Emotionen er diesem Instrument entlocken konnte. Seine Stimme verblasste daneben zur Bedeutungslosigkeit. Nicht etwa, weil er eine schlechte Stimme hat oder nicht singen kann, sondern weil er seiner Gitarre selbst eine viel grössere Wichtigkeit gibt. So stellte sich im Laufe der Zeit eine gewisse Monotonie ein. Das Konzert wirkte auf mich eintönig, emotionslos und düster. Mit ein Grund dafür ist, dass er nie wirklich aufs Publikum einging, sondern fast autistisch sein Ding ganz für sich durchzog. Ich hatte manchmal das Gefühl, Delaney Davidson spielte nur für sich und nicht fürs Publikum.

Stark beeinflusst wurde die Stimmung durch eine Filmeinspielung mit einem im Takt trampelnden Dinosaurier, die im Piratenlook gestylte Location und das zum Teil exzentrisch mitgehende Publikum.

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All diese bizarren Äusserlichkeiten konnten nicht darüber hinweg täuschen, dass das Konzert in einer gewissen Monotonie erstarrte. Die einzelnen Songs unterschieden sich kaum. Doch dann, kurz vor Schluss, die Überraschung. Davidson löste sich von seinem Ego, wandte sich dem Publikum zu und versprach sein Bestes. Tatsächlich ging die Post ab. Seine Stimme war nicht wieder zu erkennen, sie füllte Raum und bekam plötzlich eine Bedeutung. Das Publikum wachte auf. Die Musik schwappte über, der Raum bebte. Jetzt hatte er das Publikum erreicht. Jetzt waren Musik, Publikum und Location eins. Die Stimmung bebte. Erst jetzt, kurz vor Schluss, merkte ich: Der Besuch hat sich gelohnt.

Ganz am Schluss des Konzertes war die Stimmung auf ihrem Siedepunkt. Davidson spielte auf seiner Gitarre wie ein Besessener. Er zeigte all das, was man vorher gar nicht vermutete, dass er dazu im Stande wäre. Er gab alles und noch mehr. Er spielte sich in einen Rausch, wozu befürchten war, er würde nie mehr aufhören. Dann riss seine Saite – und erlöste ihn. Und auch das Publikum.

Ich war froh, der Neugierde nachzugeben, aber ebenso, dass das Konzert mal endete.

Salome Oberholzer – 25. Juni 2015

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