Thom Yorke – Halle 622, 30.5.18

Die Schlange von der Halle 622 erstreckt sich bis zum Bahnhof Oerlikon. Die Frau neben mir wird von einem verwunderten Mann gefragt, was die Ursache dieser sei. Die Antwort der Frau lautet:“Radiohead!“

Obwohl die Antwort falsch ist, stimmt wohl die Ursache dieser für mich unerwartet grossen Ansammlung von Menschen. Was die Erwartung dieser zahlreicher Fans ist, weiss ich nicht, wem jedoch Radiohead vertraut ist, der weiss, dass Radiohead und ihr Leadsänger Yorke eng beieinander sind, vor allem wenn man sich spätere Werke wie z.B Kid A oder Amnesiac anhört. Seit ihrer Gründung im Jahre 1985 hat er grossen Einfluss auf die musikalische Entwicklung der Band. Einst sagte er in einem Interview: «Wenn Radiohead die UNO sind, dann bin ich die USA.» Was in anderen Bands schon oft zur Auflösung geführt hat, ist bei Radiohead fast schon das Erfolgsrezept. Noch immer treten sie in gleicher Konstellation auf, noch immer produzieren sie Alben, an welchen Qualität, Originalität und Authentizität nicht verloren ging. Es sind Alben, die sich stets musikalisch weiterentwickelten und auch das aufkommen neuer technischen Möglichkeiten nicht ignorierten. Eine passende Bezeichnung ihrer Musik finde ich nicht, da sie sich stilistisch im Laufe der Zeit sehr verändert hat. Ihr Genre-Spektrum erstreckt sich von Rock bis hin zu Electronica.

2006 kam Yorkes erstes Soloalbum The Eraser auf den Markt, wofür er um aufzutreten eine neue Band formierte mit Flea (Bassist von den Red Hot Chili Peppers) und dem Radiohead- Produzenten Nigel Godrich. Weitere folgten, die Zusammenarbeit mit Radiohead blieb aber intakt. Yorke sagte dazu: „I’ve been in the band since we left school and never dared do anything on my own … It was like, ‚Man, I’ve got to find out what it feels like,‘ you know?“

 

Es gelang ihm ein bemerkenswerter Spagat zwischen Band- und Soloalben, welcher ihn zweifellos vorwärts brachte.

Als ich von diesem Konzert erfuhr gab es für mich als Radiohead-Fan keine Zweifel hinzugehen. Was mich an der Band interessierte war vor allem Yorkes Vorhaben Einflüsse elektronischer Instrumente einzubeziehen und Bestreben von der klassischen “Gitarrensound-Rockband“ wegzukommen. weshalb

 

Als in der dichtbesiedelten und heissen Halle die ersten Töne und elektrisch erzeugten Drum-Beats ertönen, hindert einen nicht mal mehr die Schwülheit zur Gänsehaut. Yorkes Beats, welche von Radiohead’s Produzenten Nigel Godrich gesteurt werden, kombiniert mit seiner atemberaubenden Falsett-Stimme, fahren ein. Es ist eine authentische elektronische Musik, die sich unteranderem von anderer abhebt, weil sie live auf der Bühne mit Yorkes Live-Musik (neben Gesang und Klavier spielt er auch Gitarre und Bass!) kombiniert wird. Nach 3 Songs ist die Menge im Tanz und süchtig, wie eine Herde von Zombies nach Blut, nach Yorkes Musik. Der Schweiss trieft an einem jeden Körper, und nach gut zwei Stunden verabschiedet sich Yorke mit einem Schlusslied aus Gesang und Klavier. Beim trägen Gang aus der Halle herrscht Stille. Auch mich übermannt eine gewisse Lehre, weil ich weiss, dass nun etwas aufgehört hat, das im Rausch zu schnell vergangen ist, und sich nicht wiederhohlen lässt. Obwohl man froh ist an der kühlen Luft zu sein und sich an einer Industriehauswand anlehnen kann, wäre man lieber noch drinnen.

Fritz Jolles, 2fM

 

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