Wir mussten alle sitzen. Die Seebühne des Theaterspektakel Zürichs drohe sonst in Stücke zu zerbrechen, wenn wir tanzten und stampften. Ich bin wie ein weisses Papier in dieses Konzert gesessen, mit meiner Mutter, die mich schon ein halbes Jahr davor gefragt hatte, ob ich mitkommen will und meinem Bruder. Ich habe einfach ja gesagt, weil ich meiner Mutter im Bereich Musik vertraue und ich der Seebühne des Theaterspektakels glaube. Mir ist dann erst spontan wieder eingefallen, dass ich an dieses Konzert gehe, deshalb wie ein weisses Papier. Ich wusste nichts über die Band, ich habe nicht einmal einen Ausschnitt eines Songs jemals gehört, vor diesem Konzert.
Ich sitze also da, bereit mich mitreissen zu lassen, von was auch immer.
Die Band kommt auf die Bühne, eine junge Frau mit riesigen Latzhosen, stellt sich hinter eine Harfe. Ein Mann mit grauen Haaren, nicht gefärbt, er ist alt, setzt sich ans Schlagzeug. Ein weiterer Mann, wieder mit grauen Haaren, auch alt, setzt sich hinter ein synhesizerähnliches Ding, ich kann es nicht genau erkennen. Sie sehen cool aus, aber sie alle sind nicht diese Frau, die ich auf dem Plakat gesehen habe, die einzige Info, welche ich über dieses Konzert hatte. Die drei beginnen ihre Instrumente zu bedienen, die Nebelmaschine raucht, die Lichter sind Rot, Viollett. Es klingt schräg, experimentell, elektrisch, “abgefucked“.
Ein Geschöpf mit nackten Beinen betritt die Bühne. Einen Hirtenhut tief im Gesicht, sodass man nichts erkennen kann, ausser die nackten Beine. Sie sind bleich, mit Tattoos, die man so nicht oft sieht. Der Hirtenhut beginnt ins Mikrophon zu singen, kindlich, krächzend, spannend. Gesungen wird so verzerrt, das die Worte nicht wirklich verständlich sind, müssen sie auch nicht, die Stimmung, welche die Musik erzeugt reicht vollkommen.
Auf den Plätzen ist alles still, alle sind aufgeregt, berührt, verwirrt.
Der Synthesizer spielt schräge Akkorde, der Schlagzeuger unterstreicht mit einem Offbeat. Die verzerrte kindliche Stimme schreit und dann, dann beginnt die Frau mit den Latzhosen einen klassischen, reinen Ton, laut und zwar richtig laut über die ganze Musik zu legen.
Ich weiss wieso wir nicht tanzen durften, dieser klassisch, reine Ton würde das ganze Publikum wieder auf ihre Plätze zurückschleudern.
Cocorosie ist ein Duo aus zwei Schwestern, Bianca und Sierra Casady. Sierra ist die Latzhosenfrau und Bianca die Kinderstimme. Auf der Seebühne werden sie begleitet von Takuya Nakamura, der alte Mann an den Tasteninstrumenten und Budgie am Schlagzeug. Nach den ersten paar Songs packt Bianca ein kleines Ding aus, es sieht aus wie ein Kinderspielzeug. Sie beginnt einen Hebel zu drehen und es knackt und knarzt im Takt. Bianca arbeitet oft mit Nicht-Musik-Instrumenten, einmal zum Beispiel war es eine Popcornmaschine.
Die Mutter der beiden Schwestern war Lehrerin und Künstlerin, sie zog mit ihren Kindern von einem amerikanischen Staat zum nächsten. Der Vater war Prediger und reiste so durch die USA. Sierra, die Latzhosenfrau, wurde von ihrer Mutter Rosie genannt. Bianca, die Kinderstimme, nannte man Coco. Daher Cocorosie. Die Schwestern wuchsen zusammen auf, bis Sierra im Alter von 14 Jahren auf ein Internat ging, da verloren sie sich aus den Augen. Sierra zog später nach Paris um Gesang am Pariser Konservatorium zu studieren. Bianca studierte Sprachwissenschaften und Soziologie.
Die Texte von Cocorosie sind feministisch und politisch, das ist auch in der Stimmung erkennbar. Die Musik hat viel Kraft und Stärke, aber auch Wut und Trauer. Ihr Song „Smoke`em out“ bringen sie raus mit diesem Statement: “Smoke ‘em Out” welcomes the new character who will be occupying the White House with a mob of women and children armed with forks and knives. In the wake of this un-natural disaster, we feel a call to rise, shout, and burn the house down,“ welches an Donald Trump gerichtet ist.
Während Bianca nun auch noch zu rappen beginnt , was wirklich aussergewöhnlich gut klingt, mit dieser rauen quakigen Stimme, glitzert der See. Das Wasser um die Safainsel herum ist pink-violettem verfärbt. Der Mond scheint und die Leute, sitzend, sind berührt, mich inbegriffen, vor allem aufgewühlt. Später, nach tobendem Applaus, von einem stehenden Publikum, spazieren alle von der Seebühne. Ich verlasse das Konzert mit einer feurigen Seele, motiviert zu leben und erleben. Ich glaube die anderen auch.
2003 begann Bianca eine Weltreise und besuchte ihre Schwester Sierra, die sie seit mehr als 10 Jahren nicht mehr gesehen hatte. In diesem Jahr entsteht Cocorosie und das erste gemeinsame Album La Maison de Mon Rêve. Heute, 6 Alben später sind sie ein bekanntes Duo, bekannt für ihr besonderes Gespür der Sprache und Symbolik. Bekannt für eine Mischung aus elektronischen Samples, klassischem Gesang, verzerrtem kindlichem Gesang, kombiniert mit traditionellem Songmuster und aussergewöhnlichen Instrumenten wie Kinderspielzeug. Bekannt für die künstlerischen Album-covers, die Bianca gestaltet. Bekannt für Musik, welche sich in die Genre Indie-Pop, New weird America und Freak Folk eingliedern lässt.
Mehr über Cocorosie: https://www.cocorosiemusic.com/home
Von Celestine Vieli, Veröffentlicht am 9.12.19.