Ye Vagabonds – Tradition mit neuer Stimme

Das Konzert der Ye Vagabonds brachte einen Hauch Irland in die Schweiz. Es war weniger eine Bühnenshow als vielmehr eine intensive, musikalische Erfahrung, die nicht in Worte zu fassen ist. Die Band verbindet traditionelle irische Folkmusik mit modernem Songwriting. Statt Lautstärke und Effekte standen bei den Ye Vagabonds Nähe, Aufmerksamkeit und akustischer Klang im Zentrum. 

Tatsächlich kannte ich die Brüder Brín und Darmiud Mac Gloinn vor diesem Tag noch nicht. Die Beiden kommen ursprünglich aus Carlow, einer kleinen Stadt im Südwesten Irlands, und zogen in ihrer frühen Kindheit nach Dublin. Ihre Karriere starteten sie gemeinsam als Strassenmusiker. Heute sind sie zusammen mit Alain McFadden (Harmonium und Elektronik) und Caimin Gilmore (Bass) bekannt als Teil der neuen Folk-Welle Irlands und haben schon mehrere Alben wie „Nine Waves“ oder „The Flood“ herausgebracht.

Nicht nur ich wurde auf die irische Band aufmerksam, denn der kleine Raum unter dem Viadukt in Zürich war prallvoll gefüllt. Vollkommene Stille herrschte und das Publikum wartete gebannt darauf, dass die vier Musiker zu spielen begannen. Der erste Akkord einer Mandoline wurde angeschlagen und wir applaudierten laut. Zu der simplen Melodie kam Stück für Stück eine weitere Mandoline dazu, ein Bass sowie ein kleines Mischpult mit Piano. Zusammen vereint ergab sich eine wunderschöne Melodie. Alle Instrumente waren akustisch, was eines der typischen Merkmale der Ye Vagabonds ist. 

Einen langen Moment lang genoss ich die ruhige Atmosphäre und lauschte der Musik. Zu den Instrumenten begannen die Brüder gemeinsam zu singen. Die harmonischen Stimmen der Beiden verschmolzen dabei eng miteinander, sodass sie zu einer musikalischen Stimme wurden. Es war nicht in Worte zu fassen. So eine Art Beherrschung der Stimme und der Instrumente habe ich noch nie gesehen. Jeder konnte sehen, wie viel Freude der Band das Spielen machte und man wurde einfach mit dem Takt der Musik mitgezogen. Die Art des Singens war beeinflusst von appalachischem Folkgesang mit einem Gemisch von amerikanischer Folk-Musik. Zwei ihrer Lieder sangen sie sogar auf Irisch. Die Songs führten auf die schönste Weise Vergangenheit und Gegenwart zusammen. Alte irische Balladen und Liebeslieder wurden neu interpretiert und mit modernem Songwriting verbunden. Ich fühlte mich ein wenig, als wäre ich in Irland. 

Zwischen den Liedern wechselten die Bandmitglieder zwischen der Fingerstyle-Gitarre, Bouzouki, Harmonium, Mandoline, Kontrabass und Fiddle. Brín Mac Gloinn, einer der beiden Brüder, erzählte uns in den Zwischenpausen einiges über Irland, ihre Heimat und die Hintergründe zu den jeweiligen Songs. Mit kleinen Witzen brachte er das Publikum zum lachen. Die Songtexte bezogen sich meist auf die Natur Irlands, Liebesgeschichten, eigene Erfahrungen und alte Märchen.

„I‘m a rover, seldom sober

I‘m a rover of high degree“

In dem Lied „I‘m a rover“ bezeichnete sich die Band als Wanderer und erzählte so symbolisch von ihrem Alltag. Alle ihre Texte hatten eine persönliche Verbindung, was die Nähe zu den vier Mitgliedern am Konzert nur nochmals verstärkte.

Doch bei diesem Konzert waren die Texte tatsächlich nicht das Wichtigste. Mit einem Mandolinen-Solo zu Zweit würdigten sie dieses eher unbekannte Instrument auf die schönste Art und Weise. Brín und Darmiud standen dicht gegenüber, schlossen ihre Augen und begannen zu spielen. Immer schneller und schneller bewegten sie ihre Finger über ihre Mandolinen. Mit geschlossenen Augen beherrschten sie ihre Instrumente und das komplexe Stück. Die Beiden schafften das Publikum zum Staunen zu bringen und ernteten mit ihrem Meisterwerk einen tosenden, wohlverdienten Applaus.

Die Band Ye Vagabonds zeigt, dass Irish Folk keine abgeschlossene Tradition ist, sondern etwas Lebendiges, das Potential zur Weiterentwicklung hat. Bei dieser Band sollte Musik nicht nur gehört, sondern auch erlebt werden. Am Ende des Konzertes blieb das Gefühl von grossem Respekt und Faszination an der irischen Musik. Und dabei muss ich sagen, dass ich dies niemals gedacht hätte. Ich bin mir sicher, dass die Ye Vagabonds nicht nur mit mir als neuen Fan die Bühne verliessen, sondern auch viele andere mitgerissen haben. Heute steht eine Platte von der Band bei uns Zuhause.

Von Pauline Petko (18.12.2025)

Quellen:

Ein Kommentar

  1. Ich danke der Autorin, dass sie mich neugierig auf eine neue Musikgruppe gemacht hat. Ich finde den Artikel sehr schön und abwechslungsreich geschrieben. Es gefällt mir, dass immer wieder zwischen den Informationen und dem Live-Erlebnis gewechselt wird. Es ist ein sehr spannender Beitrag.

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