Er spielte nicht nur die Musik, er lebte sie

Es ist Mittwochabend, die Dunkelheit ist längst eingebrochen und vor meinem Mund bilden sich kleine Rauchwolken. Vor dem Hallenstadion steht eine Masse von aufgekratzten und von Vorfreude geladenen jungen Menschen, und ich mittendrin. Ich schaue nach links und rechts, recke und strecke meinen Kopf und erblicke so viele unterschiedliche Menschen, alles Individuen mit ihrem eigenen Leben, keiner wie der andere. Aber etwas haben wir gemeinsam: Wir fiebern dem heutigen Konzert von Tom Odell entgegen.

Der Künstler

Thomas „Tom“ Peter Odell ist 35 und ein britischer Sänger, Songwriter und Pianist. Er wurde am 24. November 1990 in Chichester, England, geboren. Seinen Durchbruch hatte er mit seinem weltbekannten Song „Another Love“ (Erscheinungsjahr: 2012). Jedoch hatte er eine frühe musikalische Prägung, denn er fing mit sieben Jahren an, Klavier zu spielen und schrieb mit 13 Jahren seinen ersten Song. Er studierte am Brighton Institute of Modern Musik, wo er auch eine Band gründete, bevor er bei Columbia Records unter Vertrag genommen wurde. Seitdem hat er mehrere Alben geschrieben, die sich selbst übertreffen, in welchen er sich in den Genres Indie-Pop, Folk-Pop und klavierbasierte Balladen bewegt.

Den Tränen nah

Es war so weit. An diesem Mittwoch, dem 26. November 2025, trat der britische Sänger Tom Odell im Hallenstadion auf. Bei seiner „Wonderful Life Tour“ zog er durch ganz Europa und darüber hinaus und nun war er auch in Zürich angekommen. Die Konzerthalle war gefüllt und alle drängten sich nach vorne, um den bestmöglichen Blick auf den Sänger zu erhaschen. Der Vorhang öffnete sich, jedoch nur einen Spalt, und ein einzelner, schwarz glänzender Flügel wurde durchgeschoben. Alles wurde still, so als ob jemand einen Teppich des Schweigens über die Menge warf. Und dann trat er ans Klavier und begann, seine Finger über die Tasten fliegen zu lassen, in einer solchen Ruhe, welche Frieden und Geborgenheit ausstrahlte. Nur ein Mann, allein am Klavier, sein Instrument und seine Stimme, welche weltweit Menschen zu Tränen rühren. Seine Songs und die Leidenschaft, mit welcher er auftrat, spiegelten hundert rohe Emotionen wider, welche er, so schien es, mit seinen Melodien verarbeitete. So spielte und sang er. Die Klänge bohrten sich durch die Menge, suchten ihren Weg und berührten jeden, an dem sie vorbeikamen. Meine Augen begannen sich mit Tränen zu füllen, ich genehmigte ihnen freien Lauf und liess mich fallen, fallen in das Bett der Musik. Lautstark sang ich mit, und auf einmal schien es, als ob all diese sich fremden Menschen zu einem wurden, mit der Musik als Klebstoff.

Das gelernte Jonglieren mit Emotionen

Das Talent, welches Tom Odell in die Wiege gelegt wurde, war unüberschaubar. Seine Art, die Emotionen so zu verpacken, dass sie jeder versteht, dass sich jeder darin selbst findet, ist und war ein Meisterwerk, für welches er keine Leinwand und Farbe braucht. Eines seiner berührenden Lieder heisst „Ugly“ und spiegelt den Selbstzweifel, die Eifersucht und die ewige Unzufriedenheit mit sich selbst wider.

Aufnahme-„Ugly“
Passagen aus Ugly:

I'm standing in the mirror
I wanna change my skin
Wish that I was taller
Wish that I was thin
Not just a reflection of people's opinions
I'd do it all for you
I'd do it all but
You don't love me
You don't love me
'Cause I'm ugly
'Cause I'm ugly
…..
I wish that I was Beautiful
I wish that I was Beautiful
Maybe then I wouldn‘t fall
Fall from the cloud into my self doubt
Look into your eyes
You don‘t have to try
You make it looks so easy
Everything in life
……

Schon die Worte: „I’m standing in the mirror, I wanna change my skin“ haben eine Tiefgründigkeit und Wahrheit, welche unübersichtlich scheint. Heutzutage zweifeln wir ununterbrochen an uns, sei es das Äussere oder das Innere, wir haben immer etwas zu meckern. Und genau diese Message enthält die Zeile: Wir stehen jeden Tag vor dem Spiegel und wollen uns ändern, vergleichen uns mit Leuten und bemängeln alles an uns, was anders ist. Die Eifersucht brennt sich in unser Inneres ein, der Neid, welcher uns zerfrisst, der Wunsch, jemand anders zu sein. Diese komplexen und von Mensch zu Mensch verschiedenen Gedankengänge verpackt er in Worte, versteckt sie zwischen Zeilen und drückt das aus, was wir manchmal nicht ausdrücken können.

Bring‘s auf die Bühne!

Die Musik, welche in der Studio-Version zart und verletzlich klingt, verwandelte sich bei dem live spielenden Tom zu einer Intensität, die alle um mich herum und mich selbst gefesselt hielt. All den Selbstzweifel, Angst, Wut und Verzweiflung brachte er so authentisch auf die Bühne, als würde er diese Gefühle in diesem Moment (erneut) durchleben. Am Anfang war er allein, nur ein Blickfeld. Doch als danach seine Band erschien, gab es kein Halten mehr. Er erzeugte bei jedem Song eine Spannung bis zu seinem Klimax, welcher durch fast schon athletisch wirkende Gestiken vom Musikgenie selbst und seinen eifrig spielenden Bandmitgliedern begleitet wurden. Durch Licht, projizierte Bilder und Aufnahmen spielte er mit unserer Aufmerksamkeit. Der Auftritt erinnerte schon fast an ein ausgetüfteltes Theaterstück. Tom sass, er ging auf und ab, er rannte auf das Publikum zu und an uns entlang, er tanzte, schrie, krümmte sich und verbog sich. Zwischen ruhige Lieder und Momente gab es genügend Raum für seine energiegeladenen Akte. Die Musik schrie aus ihm heraus und als er auf seinen lichtverschluckenden Flügel hinaufkletterte, sich drehte und wirbelte, wirkte er wie ein Tornado, ein Wirbelsturm, welcher mit Feuerbällen an Gefühlen und gesungenen Noten um sich warf. Die Musik beherrschte seinen Körper, sie floss in seinen Adern und bestimmte seine Schritte. Er sang nicht nur Noten, er lebte sie.

Hier sieht man die Variierende Stimmung (Fotos oben vs. Video)

Nicht allein

Bei seinen Auftritten begleitet ihn seine Band. Diese besteht aus Max Cilverd (seit 2013 in Toms Band), Max Goff (seit 2012 in Toms Band) und Toby Couling (seit 2014 in Toms Band)

Gitarrist                                   Bass-Gitarrist                                       Schlagzeuger

Bei der Tour „A Wonderful Life“ wurde die Originalband mit einem Violinisten – bei emotionaleren/orchestralen Momenten, einem Saxophonisten – eingesetzt bei einigen Songs für zusätzliche Melodieführung, und einer Trompete – als Teil von Bläser-Arrangements ergänzt.

Hallenstadion- Ein Star unter den Eventhäuser

Das nach 1,5 Jahren Bauzeit fertiggestellte Hallenstadion Zürich wurde 1939 eröffnet und ist die grösste multifunktionale Indoor-Location der Schweiz für bis zu 15’000 Zuschauerinnen und Zuschauer. Es wurde als Mehrzweckhalle mit stützenfreiem Innenraum konzipiert und ist ein Beispiel moderne Baukunst. Es befindet sich im Quartier Oerlikon in Zürich und hat rund 1 Million Besucher pro Jahr bei durchschnittlich über 120 Veranstaltungen.

Bittersüsses Ende

Das ganz grosse Highlight präsentierte er wie das Tüpfchen auf dem i. Der Song „Another Love“ setzte dem zu Ende gehenden Abend ein funkelndes Diadem auf den Kopf, an welches noch lange in den Erinnerungen scheinen wird. Die ganze Halle schrie mit, Konfetti schoss von der Decke hinunter und weisse Papierschnipsel segelten auf die Menge hinab. Und Tom machte das, was er schon immer machte: Er sang sich die Seele aus dem Leib und lebte die Musik, wie ich es noch nie mit eigenem Auge gesehen habe.

Dieser Abend war ein ganz besonderer für mich. Ich verbinde sehr viel mit Toms Musik: Phasen aus meinem Leben, Gefühle und Zustände. Der Auftritt hat mich so sehr berührt, dass beim erneuten Ansehen der Videos wieder Tränen über meine Wangen kullerten. Für mich ist diese Musik ein Paradebeispiel dafür, was man alles in Melodien und Texte verpacken kann und wie ein Mensch – wie ich – sich in einem anderen Land mit den Texten identifiziert, sie einem Hoffnung schenken oder einfach mal fühlen lassen.

-Geschrieben von: Rhea Wenger 2f

2 Kommentare

  1. Danke, Rhea, für deinen mitreißenden Blogbeitrag. Du bringst die Atmosphäre des Konzerts in deinem Blog so gut rüber, dass man sie als Leser spüren kann.

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  2. Ich finde der Blog ist sehr schön geschrieben. Ich mag es, wie du Informationen und aber auch dein persönliches Erlebnis in deinem Text eingebettet hast. Die Fotos und Videos sind sorgfältig ausgewählt und unterstreichen die gefühlvolle Art des Artikels.

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