Integration mit stimmungsvoller Musik

Šuma Čovjek feiern ihr 10-Jähriges Jubiläum im Kaufleuten

Oscar Koller

Auf der Suche nach einer Band für meinen Konzertbericht habe ich mich für «Šuma Čovjek» aus Aarau entschieden. Ich kannte sie noch nicht. Nach einer Hörprobe auf Spotify erkannte ich aber, dass dies eine aussergewöhnliche Band ist. Ihre Lieder verbreiten gute Laune und sind in Serbisch, Französisch, Arabisch und Englisch gesungen. Das klang interessant.

Das Konzert fand im Zürcher Kaufleuten statt. Vor dem Kaufleuten angekommen, mussten wir am Eingang als Erstes lange anstehen. Die Leute in der Schlange waren alle etwas älter; 30+ bis ca. 60. Ich muss gestehen, dass nun erste Zweifel aufkamen, denn ich gehörte klar nicht zum Zielpublikum. Schliesslich erhielten wir an der Kasse unseren Stempel auf das Handgelenk gedrückt, und wir gelangten endlich in den Konzertsaal.

Der Raum füllte sich mit Stimmen, und meine Zweifel legten sich langsam, denn das Publikum war voller Energie. Wie wir im Verlauf des Konzertes erfuhren, waren es rund 800 Personen. Über die vielen Köpfe hinweg sahen wir die Bühne. Darüber, in knalligem Pink, ein riesiger Leucht-Schriftzug «Šuma Čovjek», was auf Bosnisch/Kroatisch/Serbisch übrigens «Waldmensch» bedeutet. Die Instrumente lagen schon bereit. Man hatte fast das Gefühl, dass sie nur darauf warteten, endlich gespielt zu werden. Plötzlich erloschen alle Lichter, und es wurde dunkel. Wieder hell, erstrahlte die Bühne in einem bunten Lichtmix aus Rot, Gelb und Violett. Sieben Personen betraten die Bühne. Das Publikum applaudierte. Es konnte losgehen.

Die Band begann gleich mit voller Dynamik, und der Bass brachte den Raum zum Beben. Das Publikum begann im Takt zu klatschen und liess sich schon von Beginn weg von der Musik tragen. Immer wieder unterbrachen die Musiker ihre Songs und liessen das Publikum mitsingen – es waren Augenblicke der Gemeinschaft.

«Šuma Čovjek» besteht aus drei Hauptmitgliedern: die beiden Sänger Ivan Petršić, Hafid Derbal, der Keyboarder und Produzent Manuel Wülser. Humorvoll erzählte der aus Algerien stammende Hafid Derbal, wie er sich vor zehn Jahren für ein Arbeitsgespräch mit dem ursprünglich aus Kroatien stammenden Ivan Petršić getroffen hatte und sich die Unterhaltung bald ganz auf die Musik verlagerte. Dieses Treffen legte den Grundstein, und bald darauf wurde die Band 2016 in Aarau gegründet. Die Musiker nutzten ihre unterschiedlichen kulturellen Prägungen, um den Kern ihres musikalischen Selbstverständnisses zu bilden. Die Bandbesetzung variiert je nach Projekt. Teilweise wächst die Gruppe auf bis zu elf Personen an. In ihren Stücken treffen Balkan-Brass-Elemente auf Einflüsse der franko-maghrebinischen Chanson-Musik, ergänzt durch Hip-Hop und Jazz. Zentral ist dabei die sprachliche Vielfalt: Es wird auf Serbisch, Bosnisch, Deutsch, Englisch, Spanisch, Arabisch und Französisch gerappt und gesungen. Die vielen Sprachen sind künstlerische Ausdrucksform.

Inhaltlich erzählen die Songs von den Anfängen der Band, von persönlichen Krisen und davon, dass alles gut kommt. Ihr erfolgreichster Song heisst «Fata Morgana». Er erschien im Januar 2022 und war der Titeltrack des zweiten Studioalbums. Eine «Fata Morgana» ist eine optische Luftspiegelung. Die Band beschreibt hier, wie sie in einer Zeit grosser Unsicherheit eine Art «Fata Morgana» am Horizont sah, welche ihnen Hoffnung und Motivation für ihren musikalischen Weg gab. Denn das Album entstand in der für eine Musikgruppe schwierigen Coronazeit.

Ein besonderer Moment des Konzerts war, als Ivan Petršić die Musik stoppte und eine kurze Rede über Hürden und Zweifel hielt. Er zitierte dabei das kroatische Sprichwort: «Sve će na kraju biti dobro» – «Alles wird am Ende gut». Dann stiess er mit einer kleinen PET-Flasche voll selbstgebranntem Balkanschnaps auf das Leben an und reichte sie ins Publikum. Danach setzte die Musik wieder ein, und das Publikum sang, tanzte und lachte.

Visuell war der Abend eindrücklich. Bei Soli wurde jeweils nur das entsprechende Instrument beleuchtet, was dem Ganzen eine schwebende Atmosphäre verlieh. Das Kaufleuten war dafür der ideale Konzertort – nicht zu gross, nicht zu klein und mit einer Nähe, welche eindeutig zur Stimmung beitrug. So schön die Atmosphäre und die Einbindung des Publikums auch war, muss ich ehrlich sein: Musikalisch trifft der Stil von «Šuma Čovjek» meinen Geschmack nicht. Aber wer Konzerte schätzt, bei denen man nicht nur zuhört, sondern auch mitwirken kann, ist bei den «Waldmenschen» genau richtig. Das Jubiläumskonzert von «Šuma Čovjek» überzeugte somit durch eine starke Bühnenpräsenz, Offenheit und ein harmonisches Gemeinschaftsgefühl. Eine Band wie «Šuma Čovjek» findet man nicht überall. Und auch wenn mir ihre Musik nicht besonders liegt, gefallen mir ihre gemeinsamen Geschichten über Migration und Integration sowie ihre positive Botschaft sehr.

Bildquellen:
Eigene Bilder: Nr. 1, 2, 4
Internet: Nr. 3 (www.theaterburgdorf.ch)

Ein Kommentar

  1. Mir gefiel an deinem Blog sehr, dass du dieses Gemeinschaftsgefühl am Konzert gut vermittelt hast. Ich finde es gut, dass du es in deinem Blog kritisch bewertet hast und trotzdem die vielen positiven Aspekte aufzeigst. Du hast in deinem Blog gut die generelle Stimmung vermittelt

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